Der zweite Bildungsweg aus der Sicht eines Studierenden

Für den Besuch dieser Seite kannst du dir schon mal selbst gratulieren. Die Tatsache, dass du auf der Homepage des Ruhr-Kollegs surft, sagt eigentlich schon einiges über dich aus. Zunächst mal, dass du an Bildung im Allgemeinen interessiert bist und zum anderen scheinst du mit deiner bisherigen Lebensgestaltung nicht zufrieden zu sein. Ich selbst stand ein Mal vor der Entscheidung, die mein Leben in eine neue Richtung lenken sollte. Aber alles der Reihe nach...

Um mich kurz vorzustellen, mein Name ist Olli, ich bin 26 Jahre alt und ich habe mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg (nach-)gemacht. Wie ich zu dieser Entscheidung kam und - was noch viel wichtiger ist - wie sich der Schulalltag aus der Sicht eines Schülers gestaltet, will ich euch im Folgenden beschreiben.

Zu meiner Vorgeschichte ist zu sagen, dass ich bei der Anmeldung am Ruhr-Kolleg bereits einen Realschulabschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Automobilkaufmann und eine zweieinhalbjährige Zeit bei der Bundeswehr vorzuweisen hatte. Eigentlich - denkt man - sollte das in unserer Gesellschaft doch reichen, um sich ein durchschnittliches Leben zu ermöglichen. Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist viel Wert, hört man immer wieder. Ich selbst kenne aber so gut wie niemanden mehr, der noch in seinem erlernten Beruf arbeitet. In etwa so verlief auch mein Gedankengang. Als ich dann 2007 von einem meiner Freunde hörte, dass er sich jetzt an einer Schule zu Erlangung der allgemeinen Hochschulreife angemeldet hatte, musste ich zunächst schmunzeln. Er war im selben Alter wie ich und hatte auch schon eine Ausbildung absolviert. Und jetzt? Wieder Schüler! Neubeginn einer längst vergessenen und wahrscheinlich auch verdrängten Zeit. Zunächst belächelte ich ihn und seine Entscheidung, wurde aber zusehends neugieriger. Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einem Autohaus als Verkäufer und war mit meiner beruflichen Situation alles andere als zufrieden. Viel Arbeit, wenig Freizeit und noch weniger Geld. Ein paar Monate und Erfahrungsberichte meines Kollegen vergingen und ich konnte mich immer mehr mit dem Gedanke anfreunden, wieder zur Schule zu gehen.

Was hatte ich zu verlieren? Genau...überhaupt nichts!

In erster Linie dachte ich an meine finanzielle Situation. Ich hatte bereits eine eigene Wohnung und auch einen gewissen Standard, den ich gerne halten wollte. Das Gute an der Sache ist, dass der zweite Bildungsweg staatlich gefördert wird. Du bekommst elternunabhängiges BaföG, dass du auch nicht, wie im Studium, zurückzahlen musst.

Zu studieren und eines Tages einen Beruf auszuüben, der es einem erlaubt, auch mal größere Sprünge zu machen, war in dieser Entscheidungsfindungsphase sehr wichtig für mich. Ich kündigte meinen Job im Autohaus und entschied mich für einen Neuanfang als Schüler.

Wie kann man sich jetzt nun eine Schule voller Erwachsener vorstellen?

Architektonisch gesehen, unterscheidet sie sich kaum von einer normalen Schule. Die Klassenräume sind identisch, die Flure, ja selbst der Geruch, ist derselbe. Ich fühlte mich in der ersten Zeit ein wenig wie auf einer Zeitreise. Alles war wirklich wie in der Schule, so wie ich sie von früher her kannte. Pausen, Lehrer, Cafeteria, Schulhof, das Verhalten von eigentlich erwachsenen Menschen entsprach plötzlich wieder dem von Sechzehnjährigen und dennoch war nicht alles identisch. Hier saßen nun Menschen, die in etwa aus dem selben Grund hier sein mussten, wie ich. Irgendwie wollten wir alle etwas nachholen, das wir zuvor verpasst hatten.

Die erste Phase auf dem Ruhr-Kolleg ist das Kennenlernen der verschiedenen Menschen (sowohl Schüler als auch Lehrer) und vor allem das wieder Lernen lernen. Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt gut 7 Jahre raus aus der Schule. Mein erster Eindruck war jedenfalls, dass man sehr bewusst darauf achtete, sich vom gewöhnlichen Gymnasium abzugrenzen, indem man beispielsweise die Schulhalbjahre 'Semester' nannte. Klassisch gesehen hilft einem das nur bedingt, aber es versprüht dennoch einen Hauch von prä-universitärem Umfeld. Die ersten Kontakte waren schnell geknüpft und auch im Stoffplan kam ich recht gut mit. Nachdem ich mich ein wenig an die neue Situation gewöhnt hatte, konnte ich mich immer mehr mit eben dieser und meiner jetzigen Tätigkeit identifizieren.

Nach etwa 3 Semestern stand dann die LK-Wahl an. Ich entschied mich für Deutsch und Englisch. Ich stellte sehr schnell fest, dass es gar nicht so schwierig ist, wieder zu 'lernen'. Ein absolut positiver Nebeneffekt ist die Tatsache, dass das Ruhr-Kolleg über ein Kollegium verfügt, das oft Verständnis für die Probleme einzelner Schüler hatte. Ich hatte immer das Gefühl, mich - menschlich gesehen - auf Augenhöhe mit den Lehrern zu befinden, besonders wenn es um die Probleme des Alltags ging. In meiner Zeit am Ruhr-Kolleg stieß ich eigentlich nie auf Unverständnis, wenn es um private Angelegenheiten ging. Man merkte ziemlich schnell, dass dort ein freundschaftliches, aber dennoch professionelles Arbeiten gepflegt wurde.

In der letzten Phase auf dem Weg zu meinem Abitur wurde es zunehmend ernster. Die Klausuren wurden länger und anspruchsvoller und schon bald standen die Vorklausuren zum Abitur an. In dieser Zeit wurde man zunehmend angespannter, weil es jetzt wirklich um das Abitur ging. Ich bestand die Klausuren einigermaßen und war somit für die Abiturprüfungen zugelassen, was ich - wie eigentlich unser gesamtes Semester - zum Anlass nahm, dies gebührend zu feiern.

Die Abiturprüfung an sich waren weniger schlimm, als ich sie mir vorgestellt hatte. Man schreibt in seinen LK-Fächern und einem anderen GK-Fach - was man zuvor gewählt hatte - eine Klausur und besteht dann noch eine mündliche Prüfung und das war es dann. Klingt sehr einfach, ist es aber nicht. Einiges an Vorarbeit war zu verrichten und vor allem war zu lernen. Wenn man dann aber irgendwann seine Ergebnisse bekommt und wahrnimmt, dass man sein Abitur bestanden hat, ist dies ein unbeschreibliches Gefühl.

Ich für meinen Teil bin zufrieden mit meinem Abitur und froh darüber, diesen Schritt gemacht zu haben. Selbstverständlich zweifelt man des öfteren an seiner Entscheidung, wenn man sieht, wo andere Menschen in dem selben Alter beruflich schon sind. Diese Phasen gehören aber durchaus dazu. Wichtiger jedoch ist, dass sie auch wieder vorbei gehen. Ich habe am Ruhr-Kolleg Menschen getroffen die ich sehr schätze, sowohl Schüler als auch Lehrer. Ich bereue meine Entscheidung keinen Tag, denn das Abitur hat mir Türen geöffnet, die mir vorher verschlossen waren. Mittlerweile habe ich mich an der Universität eingeschrieben und gehe den nächsten Schritt auf meiner Bildungsleiter.

Wie ihr seht, gibt es Alternativen und mit ein wenig Wille und Durchhaltevermögen schafft ihr das auch. Den Anfang habt ihr schon mit dem Besuch der Homepage und dem Lesen dieses Textes gemacht. Es liegt an euch, sagt 'Ja' zum Abitur.

Ich wünsche euch auf eurem Weg zum Abitur alles Gute und viel Erfolg!